Full of Terrors Tourblog Day 1

Was schreibt man in einem solchen Tourtagebuch eigentlich? Schließlich wollt Ihr nicht mehrere Male hintereinander lesen, dass Band XY eine solide Show abgeliefert hat und im niederträchtigsten Falle die selben Songs wie am Vorabend gespielt hat. Nun, ich habe keine Antwort auf die Frage. Es wird sich wohl einfach entwickeln und ihr erhaltet einen, bis auf kompromittierende Details bereinigten Erfahrungsbericht. Jetzt, dass ich zum ersten Mal wirklich Gelegenheit habe den ersten Tag zusammenzufassen sind wir im Kalender schon zwei Tage weitergesprungen. Wie es zu diesem Delay gekommen ist, steht dann im morgigen Bericht.
Es ist nicht meine erste Reise mit ein paar Bands – zwei Wochen am Stück war ich bisher aber noch nicht mit auf einer Tour. Die Gelegenheit mit meinen Freunden von Detraktor mitzufahren wurde folglich direkt am Schopf gepackt, zumal nach 4 Dates in Deutschland auch noch 4 in Bulgarien folgen – ein Land mit dem ich auch noch nicht näher in Berührung bekommen bin. Im Gegenzug habe ich mich, im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, verpflichtet Sklavendienste als Roadie, Fahrer, Fotograf, Blogger und Termineinhaltungsassistent zu übernehmen.


Zeitgleich mit den Hansestädtern treffe ich am alten Schlachthof in Soest ein, Gepäck wird um- und das Equipment ausgeladen. Der von der Größe wahrlich feudale Backstagebereich bietet genug Raum und Gelegenheit um mit den nach und nach eintreffenden Bands herumzugammeln und sich kennenzulernen. Dirk Weiss von Warpath versorgt uns mit den wichtigsten Details zu den anstehenden Terminen, so dass wir noch schnell unsere Reiseplanung vollenden können.

Der 4-er Tross um Disbelief, Warpath, Noise Forest und Detraktor wird in Soest noch um den Lokalsupport Stalingrad Pussies ergänzt. Nach den Soundchecks ist noch kurz Zeit um sich etwas zwischen die Kiemen zu schieben und schon geht es los. Die Pussies legen los wie die Feuerwehr. Im ersten Moment bin ich noch etwas perplex bezüglich der Schublade die ich aufziehen soll: Metalcore, Hardcore, Death, Rock, zwei Sänger – maximal häppchenweise könnte man da verteilen. Alle Schubladen werden wieder zugeschoben, denn das Konzept der Stalingrad Pussies wirkt stimmig. Eine coole Show von der mir vor allem die Songs „Epic Center“ und „Hate Latte“ hängenbleiben.

Samstagabend in der Provinz. Da sollte eigentlich jeder der nur mehr als 3mm Haare auf dem Kopf trägt zu einer Metalshow gehen. Die Soester haben anders geplant, und diejenigen die eventuell doch noch nach Unterhaltung suchen werden von dem aus meiner Warte doch etwas übertriebenen Preis von 28 EUR an der Abendkasse abgeschreckt.

So ist die Halle auch zum Start von Detraktor nur kläglich gefüllt, was sich auch nicht mehr großartig ändern sollte. Mein kleiner Vortrag für Henrique, dass das westfälische Dehnungs-E imminent wichtig in der Aussprache von Soest ist, zeigt Wirkung: mit einem freudigen „Whats up, Flensburg“ begrüßt er, gefolgt von plötzlich eintretender, beklemmender Stille im Saal das Publikum. Da ist wohl im letzten Moment noch die ein oder andere Gehirnwindung im Rausch des Adrenalins durcheinander geraten. Schnell loslegen ist danach das Gebot und die Jungs zeigen, dass die Entwicklung der letzten Monate, als Vertreter für Deutschland im Wacken Metal Battle Finale gipfelnd, das Selbstvertrauen und die Routine massiv gestärkt haben. Die Setlist, im Kern bestehend aus den Songs des Demos ist, ergänzt um mehrere neue Songs wie z.B. „Goddamn“ oder das New Oldtimers Cover „Don’t you smoke that weed boy“ rollt wie eine Lawine durch den Raum und animiert das Publikum vom zärtlichen Kopfnicken auf heftigere Auf- und Abbewegungen des Kopfes umzusatteln.
Noise Forest waren für mich im ersten Anlauf mit ihrem Mix aus Death, Metalcore und Sludgeelementen noch etwas zu sperrig – aber das wird sicher mit den kommenden Dates besser. 1992 entstanden, können auch die Kieler in diesem Jahr ein beachtliches Jubiläum auf Ihre Fahne schreiben. Dazu gibt es auch auch einen neuen Output in Form einer 5-Track EP namens „Boiling Blood“, von der 4 Songs im Set enthalten sind. Auf jeden Fall ist was der Dreier um Bassist Boris Kronenberg live mit mächtig Energie gesegnet, die sprichwörtlich in den Raum gepresst wird.
Warum Warpath in der Vergangenheit völlig an mir vorbeigerauscht sind ist kaum erklärbar. 2015 nach einer 17-jährigen Pause reformiert, auf diversen Festivals unterwegs und mit einer neuen Full-length namens „Bullets for a desert session“ im Gepäck wird mächtig Dampf gemacht. Oldschool ist wieder in – und das ist gut so, ob thrashiger Groove oder todesmetallisches Hochgeschwindigkeitsgeboller, der Mix geht durch das komplette Schaffen und wird auch in den neuen Tracks repräsentiert. Dass der Körper bei dieser Art Musik augenblicklich anfängt zu zucken zeigt sich auch im Publikum, das nun aus seiner Bewegungslegasthenie erwacht ist und deutlich mehr zu den Songs mitgeht. Da freue ich mich augenblicklich, die Show auch noch an drei weiteren Tagen sehen zu dürfen.
An Weihnachten 1997 bin ich in den Besitz einer Nuclear Blast Compilation gekommen auf der Disbelief mit „Follow“ von ihrem Debüt vertreten waren. Schon damals hat mich Karsten „Jagger“ Jäger mit seinen klaren Growls in den Bann gezogen. 20 Jahre später und nach weiteren 9 Studioalben ist dem immer noch so. Disbelief haben schon im Frühjahr mit ihrem aktuellen Album in Essen (Support: Gorilla Monsoon) Halt gemacht, somit ist die nur in Nuancen geänderte Setlist nicht neu für mich. Erfreulicherweise finden sich auch alte Perlen wie „Misery“ oder „To the Sky“ darunter – sozusagen ein Spass für die ganze Familie. Die neuen Songs sind anders, reifer und runden das bisherige Schaffen wunderbar ab. Ein supertightes Set, das ebenfalls die Vorfreude auf die verbliebenen Dates steigert.

Unser Nachtlager dürfen wir bei Dirk, dem Schlagzeuger der Stalingrad Pussies aufschlagen. Wer einer 9-köpfigen, stinkbesoffenen Truppe sein Wohnzimmer als Schlafgelegenheit und einen wohlgefüllten Kühlschrank anbietet muss komplett schmerzbefreit oder selbst betrunken sein. Scherz beiseite – Danke Dirk! Wir hoffen Deine Gastfreundschaft beizeiten erwidern zu können.

 

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