Ragers-Elite Festival 2005, Zeche Radbod Hamm

Heya… die gängigen Vormachtsstellungen brechen auf: Bis jetzt rief einmal im Jahr der Metalpapst aus Dortmund zum kollektiven Brachialspektakel. Der Jahresabschluss 2005 wurde nun zusätzlich durch das vom Ruhrpott-Thrashkönig Betty initiierte Ragers Elite Festival versüßt. Und da wurde auch mal direkt geklotzt und nicht gekleckert. Zum 15-jährigen Bandjubiläum von Delirious gab es am Freitagabend im Hammer Hoppegarden erstmal ne amtliche Warmup-Party mit allerhand Geballer aus der Konserve, nem tollen Gewinnspiel und etlichen vernichteten Litern gut gekühlten Gerstensafts.
Nach vier Stunden Schlaf stand der Autor dieser Zeilen mit weniger energetischem Gesichtsausdruck in der Zeche Radbod und beobachtete das bunte Treiben zur Vorbereitung des 10 Bands umfassenden Konzerttages. Was sich nachts draußen noch als nettes Schneegestöber abspielte, zeigte erst am Samstag sein wahres Gesicht. Chaos auf den Straßen, Katastrophenalarm im Kreis Steinfurt und Borken, und überall massenweise Schnee.
Steel Death aus Steinfurt treffen erst wenige Minuten vor Konzertbeginn in der Halle ein und legen mit 10 Minuten Verspätung los. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich leider noch nicht allzu viele Besucher in die Halle verirrt, so dass „Europa, die Weltpeitsche“ [Anm. d. Red.: so der Name des Shouters] Platz genug hat um ausgiebig seine akrobatischen Turnübungen vorzuführen. Die hohen Erwartungen an den Raketenrock der 5 Sickos erfüllen sich live leider nicht ganz. Die Thrash-Komponente weicht viel zu sehr den derzeit angesagten Metalcore-Stilmitteln. Positiv herausstechen kann heute nur der Kracher „Slaughtered Hellbound“ vom aktuellen Album „Electric Mayhem“.

Auf zweiter Position im Billing knüppeln die 5 Paderborner (nein, keine lebendigen Bierdosen) von Hexenhammer garstig und ohne Umschweife mit „Hell Force One“, dem Opener ihrer neuen CD, los. Vor der Bühne gesellen sich zahnspangentragende, kleine Mädchen (gelernt ist gelernt… man muss sich seine Fans züchten) und Jungs um ihren Kopf gegen den Rhythmus zu dem hauptsächlich von „Divine New Horrors“ stammendem Material zu bewegen. Mit geschlossenen Augen hat die Vermutung, es handele sich um eine Band aus Florida auf allerhöchstem Niveau, wirklich nahe gelegen. Auch wenn relativ wenig Bewegung auf der Bühne auszumachen ist, haben Hexenhammer einen wirklich kraftvollen und bemerkenswerten Gig hingelegt. Mehr davon, bitte.

Mit dem Ersatz für Perzonal War, Custard steht kurz nach halb vier dann die dienstälteste Band des Tages auf der Bühne. Der auf der Bandhomepage versprochene Thrash lässt sich auch hier leider nicht wirklich entdecken. Stattdessen gibt es stark von Helloween und Edguy beeinflussten Heavy Metal. Das fortgeschrittene Alter der fünf Mucker hält sie aber nicht davon ab, agil wie manch 20-Jähriger nicht mehr ist (aber sein sollte), eine gute halbe Stunde einen Querschnitt durch die beiden letzten Veröffentlichungen „For My King“ und „Wheels Of Time“ zu ziehen. Die Kuttenträgerfraktion hatte jedenfalls ihren Spaß!

„In den nächsten 45 Minuten gehört Euer Arsch uns…“, so Sexsymbol Marc von Guerrilla aus Köln. Der sympathische Fronter kommt wieder mal in seinem Lieblingsleibchen mit dem „Sperma enthält Vitamin C“-Aufdruck und bellt was das Zeug hält. Wer so nen Köter sein eigen nennt, braucht keine Alarmanlage. „Temptress“, die Metallica-Einlage oder „Guardian Demon“ rocken jedenfalls richtig amtlich die Bude. Der gute Ruf was die Liveaktivitäten angeht, ist jedenfalls eher unter- als übertrieben. Man darf gespannt sein, wie fett der Sound wird, sobald der neue Bassist zu den Triebtätern hinzustösst. Sexualität never dies!

Gestern Köln heute Hamm… Orden Ogan sind auf jeden Fall sehr viel unterwegs. Ob die Fantasy-Metaller auf ihrem Drachen angeflogen kamen, ist leider nicht belegbar. Die Reaktionen auf das Material vom selbst produzierten Album „Testimonium A.D.“ sind anfänglich doch recht verhalten. Ob das nun am viel zu lauten Keyboard liegt, das bei Orden Ogan fast durchgängig zum Einsatz kommt, oder doch an der pathetischen Selbstherrlichkeit der Songs… man weiß es nicht. Mit der Manowar-Coverversion „Heart Of Steel“ bessert sich die Stimmung merklich [Anm. d. Red.: Versteh ich zwar nicht, aber war wohl so]. Der erst kürzlich eingestiegene Bassist Timo Könnecke fügt sich prächtig in den mit guten zweistimmigen Gesangslinien und abgefahren Gitarrensoli gespickten Bandsound ein, nur an der Aufmachung hapert es noch etwas. Etwas weniger „Dragostea Din Tei“ und etwas mehr „Pleasure Slave“! *g*

Horrorscope… schon mal gehört? Nein. Solltet ihr aber! Hinter der Bühne geben sich die 5 Polen mehr als bescheiden und sehr zurückhaltend. Auf der Bühne holen sie dann ne Kelle raus, die seinesgleichen sucht. Ist Europa die neue/alte Bay Area? Ob groovendes Midtempogestampfe wie in „24/7“ oder Thrashgebolze wie in „Paranoico“ (wurde in astreinem Deutsch den Jungs von Delirious zum Geburtstag gewidmet) und „One Minute Queen“, diese Band konnte live das Publikum von vorne bis hinten zum mitmachen animieren. Ob man das Material für originell hält, vor allem weil es doch sehr viele Parallelen zu den alten Exodus, Annihilator und Testament beinhaltet, oder einfach nur wegen gerade dieser Einflüsse geil findet… Wurst. Live rocken diese Typen das Brett. Mit „King of the Kill“ gibt’s dann auch noch ne formidable Coverversion der alten Helden. Man kann wirklich nur hoffen, dass Horrorscope öfter mal ne Reise tun.

Die vier Hessen von Abandoned geben dann oldschooltechnisch noch mal richtig Nachschlag. Die 80er waren gar nicht so scheiße wie alle immer tun. Mit witzigen Ansagen und einer aggressiven Show, die um einen Song vom kommenden Album mit dem Arbeitstitel „Nackt, zerhackt und zugekackt“ erweitert wird, können auch die Darmstädter auf voller Linie überzeugen.

Plötzlich leert sich die Halle. Frevel!!!! Diejenigen die Doomshine verpasst haben sollten sich wirklich in den Arsch beissen. Hier stehen die deutschen Candlemass auf der Bühne. Der Sound der Ludwigsburger ist wie eine Straßenwalze, die gerade den Teer plättet und dessen Fahrer „Chapter IV“ im Walkman (ähm… oder MP3-Player) hat. „Creation“, „Light A Candle For Me“ oder das begnadete „Shine On Sad Angel“ lassen die Birne zwar in Zeitlupe rotieren, haben aber so viele Überraschungsmomente parat, dass es kaum wundert, dass Doomshine 2004 zum besten Newcomer von den Rock Hard-Lesern gewählt wurden. Den Oberkalauer „Ihr seid ein Hammer Publikum“ konnte sich Sänger Tim Holz dann auch nicht mehr verkneifen. Man darf auf das 2006 kommende Album gespannt sein.

Um kurz vor elf ist es dann soweit. Die Jubilare betreten unter tosendem Beifall die Bretter die die Welt bedeuten. Neben den Klassikern „Triple 6“, „Salvation“ oder der Ballade „No One“ (die vom Publikum komplett mitgesungen wird) performen Delirious auch drei Songs der am 17.02.06 erscheinenden CD „Made For The Violent Age“. Das Herz der ehemaligen Bay Area befindet sich jetzt definitiv mitten im Ruhrpotts. Statt Kerzen gibt’s ein großes Thrashfeuerwerk, das nach allen Regeln der Kunst abgefeuert wird. Nach „The Ragers Elite“ dann eine Pause. Betty setzt unter brausendem Applaus zu seiner Dankesrede an. Doch der geht nicht nur an die langjährigen Fans, sondern auch an seine Freundin Julia, die er liebt „und unglaublich gern heiraten möchte!“ Für kurze Zeit überflutet die Romantik die Halle und unter lauten „Sag Ja!“-Rufen wird der Verlobungsring überreicht. Der Metalmob gratuliert an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich und freut sich schon diebisch auf die Hochzeit, bei der man Betty gern sicherlich gern in einem fluffigem Hochzeitskleid sehen würde. Mit „In A Gadda Da Vida“ beenden Delirious ihr Set und in bester Partylaune dürfen die Fans wie immer die Bühne stürmen.

Nach kurzer Umbaupause stöpseln sich Justice ein, um das verbliebene Publikum (leider nicht mehr allzu viele) noch einmal mit Coversongs jeder Richtung zu verwöhnen. Von „Painkiller“ bis „Phobia“ ist auch alles dabei, jedoch hätte man sich doch etwas mehr auf die Wünsche der restlichen Besucher einstellen können. Ektomorf sind beispielsweise nur wenigen Thrashanhängern geläufig, und wirkliche Stimmung kommt nach einem solchen Abend doch eh nur bei den wirklichen Metal-Klassikern auf. Der Vorschusslorbeeren wurden doch irgendwie zu viele verteilt.

Bleibt zu sagen, dass wohl alle Anwesenden sich über eine Fortsetzung im nächsten Jahr freuen würden. DANKE Delirious! DANKE Hamm Area!

 

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